Ultras in der Gruabn

Die Ursprünge der Nordkurve Graz

„Das Verhalten der Zuseher hat ja immer zu Klagen Anlaß gegeben, es machte sich aber bei den meisten Vereinen doch das Streben geltend, überflüssige Lärmszenen zu vermeiden. Nun macht sich aber in der letzten Zeit bei einem Verein, …, ein recht bedauerlicher Übelstand bemerkbar. Mitglieder und die intimsten Anhänger des Vereines, Männlein und Weiblein, besetzen einen Teil der Tribüne und begleiten jeden Vorfall auf dem Spielfelde mit taktmäßigem Geschrei, das sich bei ungünstigen schiedsrichterlichen Entscheidungen zum Gebrüll steigert. Jede noch so geringfügige Regelwidrigkeit wird mit den Rufen: Hinaus", „Ausschließen“ quittiert. Es sieht so aus, als ob sie darauf berechnet wäre, dem Schiedsrichter die Meinung dieser kleinen, aber kompakten Masse aufzunötigen und die gegnerischen Spieler einzuschüchtern.“ – Illustriertes Sportblatt, 20. November 1920

 

Mehr als nur Konsumenten

Hast du dich schon einmal gefragt, warum Menschen im Theater applaudieren? Natürlich - um den Darstellern zu zeigen, dass einem die Vorstellung gefallen hat. Aber woher kommt der Brauch des Applauses eigentlich?

Der Applaus ist das letzte Relikt einer Ära, in der die Besucher eines Theaterstücks noch mehr waren als reine Konsumenten des Dargebotenen. Einer Zeit, in der sich der Besucher als aktiver Teil der Vorstellung verstand. In der Antike und auch danach waren die Zuschauer durch Zwischenrufe oder dem Werfen von Gegenständen Teil der Vorführung und versuchten diese mitunter zu beeinflussen. Erst nach 1700 änderte sich dies langsam. Die Schauspieler wollten nicht mehr gestört werden und es wurde unschicklich im Theater Zwischenrufe zu tätigen. Zuschauen und sich in dem Vorgetragenen zu verlieren war das Gebot der Stunde. Lediglich der Applaus, oder auch die Pfiffe am Ende des Stücks blieben.

Geprägt durch das Theater setzte sich dieses Verhalten später auch auf den österreichischen Sportplätzen durch. Die Leute - damals noch durchwegs aus der Oberschicht - kamen, um das Spiel zu sehen. Und wenn sich doch einmal ein Zuschauer anmaßte seinen Unmut durch Zwischenrufe kund zu tun, war dies gleich ein Skandal, der in den Medien Beachtung fand. Als 1918 der Krieg verloren wurde und die Arbeiter in der neuen Republik endlich Freizeit und Urlaub zugestanden bekamen, drängten auch diese auf die Sportplätze, sowohl als aktive Sportler, als auch als Zuschauer. Und sie dachten nicht im Geringsten daran sich an die Sitten der „vornehmen Leute“ zu halten. Von nun an wurden Zwischenrufe, Lärm aber mitunter auch Handgreiflichkeiten Teil des Sports. Wie der eingangs zitierter Zeitungsartikel zeigt, versuchte die Sportpresse diesem Trend entgegen zu wirken, jedoch vergeblich. Die Zuschauer wollten mehr sein als reine Konsumenten des dargebotenen, sie wollten ein Teil des Spiels sein und sie wurden es auch.

 

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Vom Zwischenruf zum (organisierten) Schlachtruf

Während die Spiele Anfangs hauptsächlich von den erwähnten Zwischenrufen geprägt waren, kamen später vereinzelt auch Schlachtrufe hinzu, mit denen das Publikum seine Mannschaft unterstützen und den Gegner einschüchtern wollte. Spätestens ab Mitte der 1950er Jahre, in Brasilien sogar schon in den 1920ern, begannen sich die Leute auch in Gruppen zu organisieren, um die Unterstützung der Mannschaft zu koordinieren.

In Europa entwickelten sich in der Folge zwei Strömungen, die die Art der Anfeuerung des Vereins in den kommenden Jahren prägen sollten. Zum einen die Supporter auf den britischen Inseln. Diese zeichneten sich vor allem durch unkoordinierte Gesänge aus, die dem Spielverlauf entsprechend aus der Masse heraus angestimmt wurden. Fahnen, Choreographien oder Vorsänger waren dort eher eine Seltenheit. Im südlichen Teil von Europa entwickelte sich in Italien ein anderer Stil des Supports. Geprägt von der damaligen Demonstrationskultur, nahmen italienische Arbeiter und Jugendliche jene Utensilien, die sie von den Demonstrationen her kannten – Megaphone, Fahnen und Transparente – mit ins Stadion. Mit diesen brachten sie auch die, auf diesen Demonstrationen üblichen, koordinierten Gesänge mit. Zusammen mit der südländischen Leidenschaft entstand so eine spezielle Kultur des organisierten Supports, jene der Ultras.

 

Ultras Granata

 

Support in Österreich

In Österreich begann die Geschichte des organisierten Supports in den 1980er Jahren. Anfänglich eiferte man hier vor allem der britischen Art des Supportes nach. Bekanntheit erfuhr diese damals vor allem durch Medienberichte über die Ausschreitungen englischer Hooligans, die viele Jugendliche faszinierten. Doch das änderte sich bald. Durch Auftritte österreichischer Vereine gegen Italiener im Europa Cup, wie zum Beispiel Sturms Duell mit Hellas Verona, aber auch durch das Aufkommen von Fernsehübertragungen internationaler Spiele, sowie der WM1990 in Italien, kamen die Jugendlichen erstmals mit der Kultur der südländischen Ultras in Kontakt.

Die Lautstärke der Gesänge, die kreativen Fahnen, Spruchbänder und Choreographien und nicht zuletzt der Zauber der bengalischen Feuer trugen dazu bei, dass viele Jugendliche dieser Art des Supportes mehr abgewinnen konnten, als dem in Österreich damals üblichen, britischen Support. Da es damals noch kein Internet (für die breite Masse) gab und die wenigen TV Übertragungen bald nicht mehr reichten, fuhren die Jugendlichen selbst nach Italien, um dort die Ultras live in Aktion zu sehen. Anfänglich waren es nur die großen, bekannten Vereine wie Juventus, Milan oder Sampdoria Genua, die besucht wurden. Doch bald bekamen auch kleinere Vereine wie Atalanta Bergamo, Verona oder Vicenza Besuch aus Österreich. Jene die es sich nicht leisten konnten nach Italien zu fahren, sogen die Bilder und Berichte aus der Zeitschrift SuperTifo auf, welche die Italienfahrer damals vor Ort kauften und nach Österreich brachten. Über Kleinanzeigen in dieser Zeitschrift, aber auch Fototauschbörsen und Tifo-Geschäfte in Italien, kam es auch zu ersten Briefkontakten mit Mitgliedern anderer Szenen.

Die ersten, von der italienischen Ultrakultur geprägten Gruppen, bildeten sich Anfang der 90er Jahre mit den „Ultras Rapid“ und den „Verrückten Köpfen“ aus Innsbruck. Doch auch in Graz hatten die Ultras ihre ersten Bewunderer gefunden und es schlossen sich erstmals Jugendliche, die sich aus dem Bereich der Mittelauflage in der der Gruabn kannten, zu einem Fanklub zusammen – den „Black Fanatics“.

 

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Die Ultras erobern die Gruabn

Wann nun die ersten Ultras die Gruabn wirklich betraten wird wohl ein ewiges Streitthema bleiben, zu unterschiedlich definieren die Leute diesen Begriff. So mancher würde auch heute vehement bestreiten, dass es in Graz jemals echte Ultras gegeben hat bzw. gibt. Jedoch dürfte jeder zustimmen, dass spätestens im Jahr 1996 echte Ultras in der Gruabn zu gegen waren. In diesem Jahr lotste Hannes Kartnig den italienischen Teamspieler und die AS Roma Legende, den Kapitän, Pepe Giannini nach Graz und ihm folgte am Tag der offenen Tür in der Gruabn ein Tross Römischer Ultras.  Aber schauen wir noch einmal zurück in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts.

Ende der 80er bot der Fußball in Graz ein relativ trostloses Bild. Sturm pendelte mit Ausnahme eines Ausreißers in der Saison 1990/91 zwischen Meister und Aufstiegs Play-Off hin und her und der GAK stieg ohnehin in die zweite Liga ab. Dementsprechend präsentierte sich auch das Bild auf den heimischen Tribünen. Nur einige wenige Schlachtrufe wie „Immer wieder“, „Hier regiert“ oder „Schiaba“ hallten hie und da durch das Stadion, aber leider auch Lieder mit bedenklichem politischem Hintergrund. Vereinzelt gab es Signalstifte, Rauchpulver und Rauchkugeln, welche man damals noch recht einfach beim „Hobby Sing“ am Johanneumring erwerben konnte. Die Mittelauflage war damals schon der Bereich der „Wilden“, wie sie von den Älteren genannt wurden und dieser wurde von Freundeskreisen und Einzelpersonen dominiert, die sich vor allem bei Raufereien einen Namen gemacht hatten, aber sich auch beim Anstimmen der Lieder hervortaten. Die Stehordnung auf der Tribüne war klar geregelt. Die Jungen und Neuen mussten in den ersten Reihen Platz nehmen, bekannte Gesichter durften nach und nach weiter nach oben rücken. Optisch gab es damals zwei größere Überziehfahnen mit dem „Raika Sturm“ Logo bzw. eine mit dem Schriftzug „SK Raika Sturm“, welche von Privatpersonen organisiert wurden. Dazu vereinzelte selbstgenähte Fahnen mit Aufschriften wie „Styrian Power“ und „Black boys – in god we trust“ oder Union Jacks mit dem Sturm Wappen. Wenn man sich einen Schal um das Handgelenk band, dann nur von englischen Vereinen wie Manchester United, Liverpool oder Chelsea. Ansonsten bestand die Atmosphäre hauptsächlich aus dem Beschimpfen und Bewerfen der Spieler und Schiedsrichter mit Bier – oder mit Milchprodukten, wenn ein Joghurthersteller diese gratis im Stadion verteilte.

 

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Vor Beginn der Saison 1992/93 beschlossen vier Burschen, dass sie das ändern wollen und gründeten die „Black Fanatics“, deren Name auf die „Fanatics Marsiglia“, einer Fangruppe von Olympique Marseille zurück geht. Bald schlossen sie sich mit anderen bekannten Gesichtern aus der Gruabn zusammen und wuchsen so schnell auf eine Gruppe von 20-30 Personen an. Gemein war ihnen, dass sie mit der herkömmlichen Stimmungssituation im Verein nicht zufrieden waren und etwas Neues wollten. Auswärtsfahrten wurden damals nur von einer Privatperson angeboten und glichen mehr einem Seniorenausflug als einem Erlebnis für Jugendliche und so war eine der ersten großen Aktionen dieses neuen Fanclubs die Organisation eines eigenen Busses zu einem Sturmspiel. Diese Fahrt fand am 27.11. 1993 statt und führte die 20 Mann starke Gruppe zur Admira. Mit umgedrehten Bomberjacken und Bengalischen Feuern ritten sie in der Südstadt ein und hinterließen dort einen bleibenden Eindruck. Selbst im ORF erwähnte man damals die südländische Atmosphäre, die von den Sturmfans erzeugt wurde. Solche Fahrten blieben damals jedoch eine Seltenheit und wenn man sich entschloss gemeinsam zu fahren, suchte man sich zu der Zeit vornehmlich Ziele aus, wo man keine Probleme mit anderen Fans erwarten durfte und selber ein wenig Radau machen konnte.
Beflügelt durch den Erfolg dieser Auswärtsfahrt beschloss die Gruppe ein Transparent um 3.000 öS drucken zu lassen und bestellte 50 Schals, soweit bekannt die ersten selbstorganisierten Fanartikel bei Sturm Graz (der Verein bot damals kaum eigene  Fanartikeln an).
Aber auch bei Heimspielen wollte man etwas verändern und durch Choreographien und Bengalische Feuer die Atmosphäre anheizen. Dies gestaltete sich jedoch schwierig, da sowohl Verein als auch Polizei keine rechte Freude mit diesen jungen „Radaubrüdern“ hatte und jegliche Versuche im Keim erstickte. Zwar bekannte sich die Polizei öffentlich dazu, dass sie diese positive Form der Unterstützung nicht behindern möchte, die Ordner wurden jedoch von selbiger angewiesen, jegliches Material beim Eingang unverzüglich abzunehmen.

Sturm war zu dieser Zeit sportlich wieder im Aufwind, konnte sich in einem dramatischen Finale gegen den GAK für die neu eingeführte 10er Liga qualifizieren und wurde zu der Zeit auch für die jungen Grazer wieder interessant. Und so gründeten sich rund um die „Black Fanatics“ bald viele kleinere Gruppen, deren erfolgreichste und beständigste die „Brigata Graz“ werden sollte.
Während die Mitglieder der „Black Fanatics“ noch unterschiedliche Ansichten hatten, wie der Support der Fanszene des SK Sturm organisiert werde soll, war dies bei den Mitgliedern der „Brigata“ klar. Sie waren fasziniert von den italienischen Ultras und wollten dieses Model in Graz etablieren. Jener Teil der „Black Fanatics“, der auch den italienischen Support bevorzugte, schloss sich daher bald der „Brigata“ an und ihnen folgten bald weitere kleine Gruppen, wie die „Mad Boys“ oder „Black Tigers“. Aber es gründeten sich auch Gruppen, die einen eigenständigen Weg gingen. Im Winter 1994 traten die „Jewels Sturm“ an die Öffentlichkeit, 1995 die „Extrema Langenwang“ und im Juli 1996 die „Grazer Sturmflut“. Die große Anzahl an neuen Gruppen, sowie die Größe der Transparente, führten dazu, dass der Platz für diese am Zaun knapp wurde und so wurden diese einfach am Spielfeld, auf dem schrägen Wiesenstück hinter dem Südtor aufgelegt. Die Fans konnten damals noch ohne Probleme vor Ankick den Rasen betreten und die Transparente mit selbst mitgebrachten Nägeln oder ähnlichen spitzen Gegenständen auf der Wiese auflegen.

Der Übertritt der Italophilen bedeutete auch das Ende der „Black Fanatics“, da jene Mitglieder, die mehr vom englischen Support und der Hooligankultur fasziniert waren, die Gruppe nicht weiterführen wollten und vorerst nur als loser Verbund im Fanblock blieben. Später produzierten sie das Transparent „Black Hools on Tour“, verstanden sich aber weiterhin nicht als Gruppe im eigentlichen Sinn. Eine solche Gründung erfolgte erst 2002, als die „Gruabn Veteranen“ aus der Taufe gehoben wurden.

 

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Mit dem Erscheinen der „Brigata“ zogen bald vermehrt schwarz-weiße Fahnen, Sturm-Schals und neue Gesänge mit südländischen Melodien in der Gruabn ein. Am 5. Oktober 1994 folgte die erste organisierte Pyroshow der Sturmszene, diese fand allerdings noch im alten Stadion Liebenau statt. Die Bengalischen Feuer dafür kamen von den Verrückten Köpfen aus Innsbruck, zu denen die „Brigata“ damals noch einzelne freundschaftliche Kontakte pflegte. Diese, nicht angemeldete, Aktion blieb auch im Verein nicht unbemerkt und der Showman Kartnig erkannte das Potential solcher Choreographien, und auch, dass diese hilfreich sein könnten, das Erlebnis Fußballplatz zu verbessern und mehr Zuschauer in die Gruabn zu locken. Da man im Verein damals glaubte, die Brigata wären Besucher aus dem Ausland gewesen, genannt wurde unter anderem Maribor, warb Sportdirektor Heinz Schilcher offen für die Gründung von eigenen Sturm-Fanclubs, um die Stimmung zu verbessern.  Und der Verein änderte seinen Zugang und begann die Umsetzung von Choreographien von nun an zu unterstützen oder zumindest nicht mehr zu blockieren. So folgten kurze Zeit später auch die ersten Choreographien in der Gruabn. Den Start machte eine Klopapierrollenchoreo am 1. April 1995 gegen die Admira. 11 Tage später, beim Heimspiel gegen Vorwärts Steyr gab es dann auch die erste Pyroshow in der Gruabn. Damals – aus heutiger Sicht unvorstellbar – wurden die Fackeln auf dem Feld gezündet. Und noch im selben Monat, am 28. April, folgte die erste Zettelchoreographie. In mühsamer Arbeit wurden zahlreiche schwarze und weiße Herzen aus Papier angefertigt und beim Einlauf der Spieler in die Höhe gehalten.

Angespornt durch diese Erfolge wagte man sich auch daran, den akustischen Support zu verbessern. Es dauerte nicht lange bis die ersten Trommeln und ein Megaphon den Weg ins Stadion fanden. Doch damit begannen auch die ersten Probleme innerhalb der Szene. Während die Fahnen und Choreographien noch hinzunehmen waren, wurde der Versuch, den organisierten Support einzuführen, von den Vertretern des britischen Supportes, kritisch gesehen. Nicht selten wurden die Vorsänger beschimpft, manchmal kam es auch zu Handgreiflichkeiten. Und dies führte dazu, dass die Stimmung zwischen beiden Lagern immer schlechter wurde und man sich immer weiter voneinander entfernte. Dass die Lage nie wirklich eskalierte lag zum einen daran, dass sich die etwas älteren Leute alle kannten, und sich so viele Probleme lösen ließen, aber auch daran, dass sich die Interessen der einzelnen Fraktionen in unterschiedliche Richtungen entwickelten. Während die Ultras ihren Fokus auf den Support im Stadion legten, verlagerte sich jener der Supporter vor das Stadion. Vor den Spielen traf man sich im Café Nitsch beim Auswärtssektor und wartete auf bzw. suchte auswärtige Fans und die Konfrontation. Auch bei Auswärtsfahrten war die Situation oft angespannt, vor allem dann, wenn eine der beiden Fraktionen deutlich mehr Personen mitbrachte als die andere. Mit der Zeit gewannen die Ultras aber immer mehr an Stärke und übernahmen die Führung in der Kurve. Da die persönlichen Kontakte nie abbrachen, kam es zudem um 2004 zu einer Annährung eines Teils der Supporter an die Ultras und man erkannte, dass es für alle, speziell für Sturm, besser ist, wenn man an einem Strang zieht und zusammenarbeitet.

Im Herbst 1995 wagten die Ultraorientierten Gruppen einen Bruch mit der Tradition, verließen den angestammten Stimmungsblock auf der Längsseite und wanderten auf die Südtribüne. Jedoch war dieser Versuch nicht sonderlich erfolgreich. Viele Personen wollten nicht folgen und so wurde dieser auch nach einigen Spielen im Frühjahr 1996 wieder beendet. Zuvor gab es aber noch den ersten Auftritt der Ultras im Europacup. Am 22. August war die Prager Slavia in der Gruabn zu Gast und wurde mit einer Plastikstreifen-Choreographie, die aus Müllsäcken angefertigt wurde, begrüßt.

 

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Im Sommer 1996 ging es Schlag auf Schlag. Erst gab es am 1. Juni ein Finalspiel um den Meistertitel gegen Rapid, für welches knapp 3.000 Grazer nach Wien reisten und die erste große Auswärtschoreographie organisierten. Das Spiel wurde zwar verloren, aber zum Trauern blieb keine Zeit. Nur vier Tage später folgte – erneut in Wien – das Cupfinale und Sturm konnte, begleitet von einem eigenen Sonderzug, seinen ersten österreichischen Titel gewinnen. Kaum waren alle vom Feiern erholt präsentierte Kartnig Pepe Giannini und mit ihm kamen, wie bereits erwähnt römische Ultras in die Gruabn. Während sich die „Brigata“ und ihr Umfeld mit den Italienern verbrüderte – einer ihrer sieben Capos zog kurze Zeit später sogar nach Graz – war die britische Fraktion wenig erfreut, dass sich die Römer in der eigenen Kurve einfanden und bedachten dies auch mit Anti Roma Gesängen. Dafür knüpften sie wiederum Kontakte zum GAK und versuchten gemeinsam mit ihnen, als „Graz United“, die Stadt in Kämpfen mit Salzburger oder Wiener Fans zu vertreten. Beide Kontakte sollten nicht lange halten. Das Ende der Kontakte zum GAK kam 2004, als sich die beiden Lager der Sturmfans wieder annäherten, die Kontakte zum AS Rom verliefen sich nach der Auflösung des „Commando Ultra Curva Sud“ (CUCS) rund um die Jahrtausendwende. Dass es sich hierbei aber um durchaus ernstzunehmende Kontakte handelte lässt sich daran erkennen, dass es selbst heute noch passieren kann, dass man von Fans der Roma auf diese Kontakte angesprochen wird.

Mit Pepe Giannini holte Kartnig damals noch etliche weitere Stars nach Graz, um endlich das zu schaffen, was in der Vorsaison verwehrt blieb - den Meistertitel nach Graz zu holen. So startete Sturm als Favorit in die Saison, jedoch, wie so oft, wenn eine Mannschaft zusammengekauft wird, enttäuschte Sturm sportlich. Zwar konnte man erneut den Cup gewinnen, in der Meisterschaft reichte es mit 14 Punkten Rückstand aber nur für Platz drei.

Dafür sorgten die Fans in dieser Saison für Gesprächsstoff. Für das Derby am 4. September 1996 wurde in der Nacht davor, mit Wissen von Gerd Pölderl, der Spruch „GAK: Heute Kapfenberg – Morgen Uganda“ auf dem Dach der Holztribüne angebracht. Hintergrund war, dass der GAK in dieser Saison seine Heimspiele in Kapfenberg und nicht in Graz spielte. Am 27. Mai 1997 folgte das letzte Heimspiel in der Gruabn gegen Rapid mit einer letzten, großen Pyroshow. Nach Spielende stürmten die Fans auf das Feld und sicherten sich massenhaft Souveniers. Neben den Cornerstangen und den Tornetzen wurde auch der Rasen Stückweise abgetragen und mit nach Hause genommen.

 

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Die Zeit danach

Mit dem Umzug des SK Sturm ins neue Liebenauer Stadion endete die Zeit der Ultras in der Gruabn vorerst. Erst um das Jahr 2001 fand der organisierte Support wieder seinen Weg zurück, als sich ein paar Mitglieder der Fangruppen bei den Spielen unserer Amateure, damals noch im Verbund mit dem LUV, einfanden, um sie bei ihrem Kampf um den Aufstieg in die Regionalliga zu unterstützen. Jedoch schlief dieses Projekt nach dem gelungenen Aufstieg bald wieder ein und man beschränkte sich bei den Besuchen wieder aufs Zuschauen und Biertrinken. Einzelne Spiele, vor allem jene gegen Blau Weiß Linz, konnten aber nach wie vor größere Mengen an Ultras in die Gruabn locken und sorgten auch für so manche Schlagzeilen. Auf Grund der Vorkommnisse rund um ein solches Spiel kam es auch zu einer Gerichtsverhandlung, welche von einer Tageszeitung damals sogar als „der größte Hooligan Prozess in Österreich“ betitelt wurde. Er endete jedoch mit Freisprüchen für alle Beteiligten.
Aber auch das Spiel gegen den ASK Köflach am 8. April 2005 sorgte für Aufregung. Als die finanzielle Schieflage des Vereins nicht mehr zu leugnen war, wollte Hannes Kartnig den Verein durch den Verkauf der Gruabn sanieren. Es gab jedoch einen Beschluss einer Generalversammlung, dass dies ohne vorherige Zustimmung derselben nicht passieren dürfe. Als jedoch absehbar wurde, dass sich Kartnig nicht an den Beschluss halten würde, organisierten die Fangruppen einen Protest beim oben genannten Spiel. In Minute 19:09 stürmten die Fans unter dem Beifall des anwesenden Publikums das Feld, unterbrachen das Spiel und stimmten gemeinsam mit dem Rest der Zuschauer den Ruf „Rettet die Gruabn – sie ist das Herz von Sturm!“ an. Obwohl die Aktion enorme mediale Beachtung fand, und Kartnigs Versuche, aus den besorgten Fans Randalierer zu machen, ins Leere liefen, änderte dies leider nichts mehr. Das Resultat ist bekannt, die Gruabn wurde verkauft und schlussendlich mussten auch die Amateure aus der Gruabn ausziehen.

 

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Wieder kehrte die Ruhe in der altehrwürdigen Gruabn ein, bis unser Bezirksrivale, der Grazer Sportklub, mit seinen Fans, den „Tramway Funatix“, in die Gruabn einzog. Jedoch konnte diese kleine Schar an Leuten nicht annähernd jene Atmosphäre in die Gruabn bringen, die Mitte der 90er Jahre dort herrschte.

Nur ein einziges Mal sollte dies wieder gelingen, nur ein einziges Mal hallten die Melodien der Ultras wieder durch die Gruabn und durch den Jakominigürtel. Und das lauter als je zu vor.  Am 1. Mai 2017, anlässlich einer Veranstaltung der Aktion „Rettet die Gruabn“, fanden sich hunderte Fans am Sturmplatz ein und sangen noch einmal in der Gruabn für ihren Verein. Und es wird hoffentlich nicht das letzte Mal gewesen sein.

Dieser Text wurde im Jänner 2019 geschrieben und erschien in gekürzter Form im Buch "Mythos Gruabn". Am 1. Mai 2019 fanden sich im Anschluß an einen Radwandertag der Sturm-Familie erneut tausende Sturmfans in der Gruabn ein und zelebrierten gemeinsam das 110 Jährige Jubiläum unseres Vereins.

 

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