Fear and Loathin’ im Ländle

SCR Altach – SK Sturm Graz 1:0
Samstag, 19. Juli 2014, 19:00 Uhr
Stadion Schnabelholz, 6.187 Zuseher (ca. 450 Sturmfans)
Bundesliga 2014/15, 1. Runde

Motiviert in den Wilden Westen

Nach dem gelungenen Cup-Auftakt hielt das erste Saisonmatch für uns wieder eine Reise in Österreichs Wilden Westen bereit: Diesmal ging es nach Vorarlberg, genauer gesagt ins Rheindorf Altach, Heimat des gleichnamigen, 1929 gegründeten SC. Nachdem die Partie in Schwaz in Tirol am Freitag zuvor wohl weniger durch ihre sportliche Brisanz bestochen hatte, stellte es sich in diesem Fall anders dar: Wie würde sich die an vielen Stellen umformierte Mannschaft gegen einen ähnlich starken Gegner präsentieren? Eines war jedenfalls klar: Mit dem Aufsteiger hatte man nicht das einfachste Los gezogen. Die zweite strapaziöse Anreise innerhalb weniger Tage, die traditionelle Motivation eines Bundesliganeulings sowie die Heimstärke, die der der SCRA in der vergangenen Saison eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte, waren Faktoren, die nicht wirklich für unsere Mannschaft sprachen.
Nichtsdestotrotz beschlossen Teile der Szene, die Partie anständig zu zelebrieren: Eine zunächst angedachte Fahrt mit dem Nachtzug wurde aufgrund des üblichen ÖBB-Tarifdschungels fallen gelassen, dennoch wollte man diesmal von einem alltäglichen Bustrip absehen. So wurde schließlich die Idee geboren, sich in der Reiseplanung an Freunden aus Deutschland zu orientieren: Kurzerhand entschied man, Freitagnacht loszufahren, um den Samstag in Vorarlberg verbringen zu können.

Schon im Laufe der frühen Abendstunden fanden sich einige Motivierte, die sich nahe des Abfahrtsortes auf die Reise einstimmten und als schließlich um zwei Uhr morgens der Bus anrollte, dürfte sich der eine oder andere bereits einen leichten Damenspitz erarbeitet gehabt haben. Entsprechend fröhlich verlief somit auch die Hinfahrt: Bei Technobeats und kühlem Diskontdosenbier feierte man bis die ersten Lichtstreifen den Horizont erhellten – und darüber hinaus. So vergingen die acht (!) Fahrtstunden wie im Flug, bevor man gegen zehn Uhr morgens bei sengender Hitze in Altach einfuhr.

Fear and Loathin‘ im Ländle

Dort stand zunächst ein Freibadbesuch auf dem Plan, wobei man mit dem Alten Rhein – einer Badeanlage, gelegen am ruhigen Seitenarm des größten Fluss Vorarlbergs – einen richtigen Glücksgriff gelandet hatte. Sofort wurden Liegewiesen okkupiert, Sprungbretter, Rutschen und sonstige Attraktionen getestet und Spritzpistolenschlachten ausgefochten, was einmal mehr die inneren Kinder erweckte. Besuch bekamen wir zudem noch von Freunden aus Karlsruhe und Bremen, die sich den Spaß offenbar nicht entgehen lassen wollten und die weite Reise in die Alpen angetreten hatten.

Ausdrücklichen Dank muss man an dieser Stelle wohl auch an das Personal des Schwimmbades aussprechen: So verfuhren die Angestellten auf ausgesprochen entspannte Weise mit der sicherlich nicht ganz alltäglichen Kundschaft, auch die übrigen Badegäste schienen sich keineswegs an den rund hundert ausgelassenen Fußballfans zu stören, die die Anlage säumten. So soll Auswärtsfahren sein! Während die Stunden bei brütender Hitze vor sich hinplätscherten, machte sich ein Gefühl von Freiheit breit, wie es wohl nur solche Trips erleben lassen können. Ganz egal, was einen zu Hause erwartete, ganz egal, welche Verpflichtungen anstanden – für einen Tag war alles nebensächlich, nur mehr Sturm zählte.

So verstrichen die Stunden, und während nach und nach privat angereiste Sturmfans eintrudelten, rückte das anstehende Match in greifbare Nähe. Bevor man sich auf den Weg in Richtung Schnabelholz machte, posierte man noch für ein Gruppenfoto im Freibadgelände, wobei auch Pyrotechnik zum Einsatz kam. Auch diesmal fand unser Verhalten durchaus Zuspruch – überraschte Badegäste zückten Handykameras, Kinderaugen strahlten beim Anblick der leuchtenden Fackeln. Schließlich begab man sich aber auf den Weg: Zu Fuß marschierte man durch Äcker, Schotterwege und Bauernhöfe, bis man das kleine, aber schmucke Stadion erreichte. Zunächst gönnte sich unser Haufen aber noch einen ungehinderten Spaziergang rund um die Sportanlage, bevor man sich letztlich im Auswärtssektor einfand, wo bereits einige Auto- und Kleinbusbesatzungen Stellung bezogen hatten. Spätestens jetzt wich die Ausgelassenheit der Stunden zuvor der Anspannung – schon bald würde sich zeigen, wo unsere Mannschaft tatsächlich stand.

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Schnabelholz Spirit

Während sich die einen noch bei Bier und ausgezeichneten Würsteln stärkten, formierten sich die anderen bereits im Sektor um sich auf schweißtreibende 90 Minuten einzustimmen. Tatsächlich strahlte die Sonne nun intensiver denn je vom Himmel, zudem reflektierte die Stahlrohrkonstruktion, die als Auswärtstribüne fungierte, die Hitze und verwandelte den Block in eine einzige Freiluft-Sauna. Etwas erträglicher gestaltete sich die Situation wohl für die meisten der rund 6.000 Heimfans, die größtenteils auf den überdachten Haupttribünen Platz gefunden hatten – ein ähnliches Schicksal wie uns hatte hingegen den gut gefüllten Heimblock ereilt, der ebenfalls der prallen Sonne ausgesetzt war. Dennoch präsentierte der Gegner zu Spielbeginn eine nicht unaufwändige Choreographie, die sowohl Hintertor- als auch Haupttribüne in Anspruch nahm: Mittels Überziehern wurde neben dem Wiederaufstieg das 85-jährige Vereinsjubiläum in Szene gesetzt. Auch wenn der Tifo der Vorarlberger kaum in den Gästeblock vordrang, lieferte die Altacher Fanszene einen durchaus passablen Auftritt, die Jahre in der zweiten Liga – vermutlich ebenfalls bedingt durch den steten Wettbewerb mit dem Lustenauer Lokalrivalen – scheinen die Gruppe gefestigt zu haben. Ob die kindische Stichelei gegen Luschnou via Spruchband nach Abpfiff hingegen nötig gewesen wäre, sei an dieser Stelle dahingestellt. Der Gästeblock war zum Ankick angesichts der großen Distanz ausgezeichnet gefüllt, zumindest 400 Grazer könnten den Weg ins Ländle gefunden haben.

Sommerkick

Am Rasen startete der Aufsteiger erwartungsgemäß ambitioniert: In der Defensive kompakt und schnell im Konter gelang es den Altachern schon in der Anfangsphase mehrmals gefährlich vor das Tor der Gäste zu kommen. Sturm versuchte hingegen offensiv und druckvoll zu agieren, was sich zwar in der eindeutigen Ballbesitzstatistik, weniger aber in zwingenden Chancen manifestierte. Erst knapp vor der Pause hatte Marco Djuricin den Führungstreffer am Fuß, scheiterte allerdings alleine vor dem Altacher Schlussmann. Die Stimmung auf der Auswärtstribüne war zwar gut, entsprach aber vorerst noch dem Gebotenen auf dem Rasen – auch die Hitze begann ihren Tribut zu fordern.

Ähnlich verhielt sich das Spielgeschehen in Halbzeit zwei: Wiederum tat sich Sturm mit der Hintermannschaft des Heimteams schwer, Chancen waren Mangelware. Ganz im Gegensatz hierzu die Gastgeber, die immer wieder über schnelle Vorstöße gefährlich werden konnten – bis es nach siebzig Minuten kam, wie es kommen musste: Nach einem Distanzschuss aus dreißig Metern zappelte der Ball im Tor von Christian Gratzei. Nun könnte ein neutraler Leser durchaus annehmen, dass spätestens an dieser Stelle die Stimmung im Gästesektor den Tiefpunkt erreicht haben müsste – dem war interessanterweise aber ganz und gar nicht so: Unterstützt durch Wasserflaschen, die das Altacher Kantinenpersonal großzügigerweise kostenlos zur Verfügung gestellt hatte (auch hier zeigte sich wieder die Freundlichkeit der Vorarlberger) gab der Block ein letztes Mal alles. Man brüllte sich die Seele aus dem Leib, ging an seine körperlichen Grenzen – getrieben von der Hoffnung, dass ein kleiner Funken davon auf die Jungs am Feld überspringen könnte. Und tatsächlich: Sturm kam zu Chancen, drückte auf den Ausgleich – die Bemühungen kamen allerdings zu spät. Trotz guten Versuchen von Beichler und dem eingewechselten Schmerböck (Aluminium!) wollte der Ball nicht mehr ins Tor. Eine ernüchternde Niederlage zum Saisonauftakt war Konsequenz.

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Zurück in die Zukunft

Mit einem Mal fielen sowohl Anspannung als auch Euphorie vom mitgereisten Haufen ab, die Strapazen des vergangenen Tages machten sich langsam aber sicher bemerkbar. Erschöpft trottete man zurück zum Bus, verabschiedete sich von den Kollegen aus Bremen und Karlsruhe – und fiel nach einem letzten Chill-Out-Bier in einen komatösen Schlaf, der wohl bei den meisten den Großteil der Rückfahrt ausfüllte. Welche Träume sie dabei ereilten, darüber lässt sich wohl nur spekulieren. Bestimmt lief bei einigen der vergangene Tag noch einmal vor dem inneren Auge ab, die feucht-fröhliche Hinreise, der herrliche Aufenthalt im Freibad, die grandiose Stimmung im Auswärtsblock. Andere träumten vielleicht von der ungewissen sportlichen Zukunft unseres Herzensvereins. Auch wenn man den Auftakt klassisch verpatzt hat, liegt noch eine ganze Saison vor uns, die sicherlich noch die eine oder andere Überraschung mit sich bringen wird. Und zuletzt war so mancher eventuell bereits in Gedanken beim dritten Away-Trip in Folge: So steht ein hartes Match in Grödig bevor, das wieder zelebriert werden will – vermutlich allerdings in weniger exzessiver Manier. So kam man schließlich in den frühen Morgenstunden wieder in Graz an, voll von neuen Impressionen, Erfahrungen und Erlebnissen.

– Gaberl –

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